Interviewfragen an Claudia Kleinert anlässlich des Internationalen Tages der Heilpädagogik am 13. April 2018

Frau Kleinert, seit Anfang 2008 engagieren Sie sich als Botschafterin der Lebenshilfe NRW. In diesem Amt treten Sie für die Belange von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung ein und haben dafür auch bereits den Medienpreis der Bundesvereinigung Lebenshilfe, den Bobby, verliehen bekommen. Wie sind Sie zu diesem ehrenamtlichen Engagement mit einem Fokus auf die Rechte und Belange von Menschen mit Behinderungen gekommen?

Der damalige Geschäftsführer der Lebenshilfe, Hans Jürgen Wagner, sprach mich auf einer Veranstaltung an, ob ich mir eine Rolle als Botschafterin vorstellen könne. Da ich damals schon für die Rechte von Menschen mit Behinderungen eintrat, habe ich spontan „Ja“ gesagt. Zumal Hans Jürgen Wagner extrem mitreißend für die Lebenshilfe sprach und mich schnell überzeugte, als Botschafterin etwas bewirken zu können.

 

Welche Aufgaben übernehmen Sie als Botschafterin der Lebenshilfe konkret? Was ist Ihre Kernbotschaft?

Es gibt keine konkreten Aufgaben. Ich versuche, so oft es geht, auf die Belange, Wünsche und Bedürfnisse  von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen. Darauf hinzuweisen, wie wichtig Inklusion und das „sich miteinander  beschäftigen und auseinander zu setzen“ ist. In meinen Augen gibt es Behinderung vor allem dadurch, dass Menschen mit unterschiedlichen Herausforderungen durch Regeln, Gesetze, Vorurteile und auf Grund von Unwissenheit oder Angst im Umgang miteinander behindert werden. So versuche ich als Botschafterin auf Veranstaltungen, in der Presse, in Interviews oder in Gesprächen auf  Missstände oder Missverständnisse aufmerksam zu machen.

 

Die aktuelle politische Debatte über die Belange von Menschen mit Behinderungen ist stark geprägt durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG). Wie schätzen Sie die wesentlichen Neuerungen des Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen ein?

Dazu könnte ich jetzt wahrscheinlich 3 Seiten füllen. Es ist schon einiges erreicht aber es ist meiner Meinung nach noch ein weiter Weg bis wir bei einer wirklichen Teilhabe, bei Inklusion in allen Belangen und den dazu rechtlichen Grundlagen angekommen sind. Allein zum Thema Mindestlohn oder das Inklusion nichts mit „Gleich machen“ oder „alle einfach gleich behandeln“ zu tun hat sondern weit darüber hinausgeht könnte ich Seiten füllen.

 

Als Botschafterin der Lebenshilfe engagieren Sie sich für die Teilhabe von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung und ihrer Familien in unserer Gesellschaft. Erwerbstätigkeit, Teilhabe, Mobilität und Wohnen sind ebenso entscheidende Faktoren auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft wie die gesellschaftliche Einstellung und Bereitschaft dazu. Wie können gesellschaftliche Haltungen zur Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen wirksam verändert werden?

Indem man sich mit Herausforderungen und Problemen, die sich Menschen mit Behinderungen tagtäglich ausgesetzt sehen, auseinander setzt. Wer über solche Faktoren entscheidet, muss meiner Meinung nach mit besonders herausgeforderten Menschen sprechen, ihren Alltag begleiten, sie fragen, wo es hakt und was sie sich wünschen. Nur wenn man Alltag mit begleitet kann man Probleme und alltägliche Behinderungen dieser Menschen wirklich beurteilen. Gesellschaftliche Haltung kann sich nur ändern wenn wir uns miteinander beschäftigen, einander zuhören und miteinander leben.

 

Anlass dieses Interviews ist der Internationale Tag der Heilpädagogik, der am 13. April dieses Jahres zum zweiten Mal begangen wird. Ist Ihnen die Profession bekannt und was verbinden Sie mit dem Begriff Heilpädagogik?

Bisher habe ich über diesen Begriff, den ich natürlich kenne noch nie wirklich nachgedacht. Das war bisher für mich verbunden mit der Erziehung und Förderung von Kindern, die auf irgendeine Weise besonders herausgefordert sind. Was nicht unbedingt mit Menschen mit Behinderung zu tun haben muss.

 

Die Heilpädagogik ist überall dort gefragt, wo Menschen jedes Alters aufgrund von sozialem Ausschluss, Beeinträchtigung oder (drohender) Behinderung vor Entwicklungs- und Teilhabebarrieren stehen. Welche Rolle nehmen soziale Berufe wie die Heilpädagogik in Ihrer Wahrnehmung bei dem Abbau gesellschaftlicher Barrieren ein? Was müsste sich aus Ihrer Sicht in den sozialen Berufen gegebenenfalls ändern, um den Abbau von sozialen oder gesellschaftlichen Barrieren zu beschleunigen?

Ich bin der Meinung, dass diesen Berufen eine ganz wichtige Aufgabe zukommt wenn es um den Abbau von gesellschaftlichen Barrieren geht. Denn Barrieren entstehen und halten sich vor allem im Kopf und basieren ganz oft auf Unwissenheit. Aufmerksam machen auf Probleme, auf Barrieren, auf Vorurteile oder vorschnelle Urteile ohne zu wissen, worum es eigentlich genau geht fördert und ermöglicht Ungerechtigkeit. Und Unverständnis. Oder sogar Angst vor dem Umgang miteinander. Die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, was Empathie heißt. Um mich in Jemanden hinein versetzen zu können, muss ich aber doch erst einmal wissen, mit welchen Schwierigkeiten oder Herausforderungen mein Gegenüber tagtäglich konfrontiert ist. Das Verständnis für Menschen mit Handicap kann also vor allem durch Menschen mit Erfahrungen geweckt werden. Und das können vor allem diejenigen weitertragen, die sich in sozialen Berufen mit diesen Herausforderungen auseinander setzen.

 

Wagen wir einen Blick zwanzig Jahre in die Zukunft: Wie kann ein inklusives gesellschaftliches Zusammenleben einer heterogenen Bevölkerung zwischen Menschen mit unterschiedlichsten sozialen oder auch körperlichen Voraussetzungen gelingen?

Durch Interesse füreinander und Verständnis. Durch das Wissen, wie man miteinander am besten umgeht, nämlich mit Respekt und Rücksicht und wie einfach es eigentlich ist, miteinander zu leben. Wenn man sich offen und neugierig auf das Verbindende und Trennende oder auf das Gemeinsame und Unterschiedliche einlässt und sich damit auseinander setzt.