B DenkRaum: Heilpädagogik weiterdenken. Vorstellung heilpädagogischer Promotionsprojekte
DenkRaum B
Heilpädagogik weiterdenken. Vorstellung heilpädagogischer Promotionsprojekte
Mit der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Heilpädagogik verfolgt der BHP das berufspolitische Ziel, mehr Heilpädagoginnen und Heilpädagogen für eine Tätigkeit in Lehre, Ausbildung und (höheren) Leitungsfunktionen zu qualifizieren, da diese Tätigkeiten ein hohes multiplikatorisches Potenzial heilpädagogischer Professionalität beinhalten. Auch im Hochschulbereich ist wissenschaftlicher Nachwuchs vonnöten. Im Rahmen dieses DenkRaumes werden drei Promotionsprojekte vorgestellt. Die Promovierenden stehen für Fragen und Diskussionen zur Verfügung.
Moderation: Alexandra Pelka | Pädagogische Hochschule Heidelberg
Folgende Projekte werden vorgestellt:
Der Einfluss sozialer Herkunft auf die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs: Ein experimentelles Vignetten-Design zur Urteilsbildung von Lehrkräften im Schwerpunkt Lernen
Die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs im Schwerpunkt Lernen ist eine weitreichende diagnostische Entscheidung, die auf unterschiedlichen Informationen über ein Kind und seine Lernentwicklung beruht. Das Promotionsvorhaben untersucht, ob und inwiefern Informationen über die soziale Herkunft eines Kindes die diagnostische Urteilsbildung von Lehrkräften beeinflussen. Hierzu ist ein experimentelles Vignetten-Design vorgesehen. Den Teilnehmenden werden Fallbeschreibungen von Schüler:innen mit identischen schulischen Lernleistungen vorgelegt, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Herkunft unterscheiden. Im Zentrum steht die Frage, ob die Einschätzung des sonderpädagogischen Förderbedarfs unterschiedlich ausfällt, obwohl die beschriebenen Lernleistungen identisch sind. Ergänzend werden ausgewählte Merkmale der beurteilenden Lehrkräfte erhoben, um mögliche Zusammenhänge mit der diagnostischen Urteilsbildung zu untersuchen.
Das Promotionsvorhaben nimmt damit die Frage in den Blick, ob Informationen über die soziale Herkunft die Wahrnehmung und Bewertung von Lernbeeinträchtigungen beeinflussen und dadurch zu unterschiedlichen Einschätzungen des Förderbedarfs beitragen können. Die Untersuchung soll mögliche Einflussfaktoren auf die Urteilsbildung bei der Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs empirisch sichtbar machen.
Doktorandin: Erensoy, Beyza, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Julius-Maximilian-Universität Würzburg
Multiprofessionelle Kooperation von Kita- und Frühförderfachkräfte in der Frühförderung von Kindern mit Sehbeeinträchtigungen – eine qualitativ-explorative Interviewstudie in NRW
Die Umsetzung des KJSG 2028 impliziert Veränderungen für die interdisziplinäre Frühförderung – und somit auch für die Frühförderung von Kindern mit Sehbeeinträchtigungen. Die im Vortrag vorgestellte explorativ-qualitative Studie wurde in NRW durchgeführt und bietet im Transformationsprozess Perspektiven zur Entwicklung von Interventionsmaßnahmen, die die Kooperation von Fachkräften innerhalb der Frühförderung im Sinne einer inklusiven Jugendhilfe weiterentwickeln. Dabei wird die Kooperation konsequent unter der Perspektive der ICF-CY (WHO) sowie inklusionspädagogischer Haltungskonzepte (u. a. Albers 2015, Prengel 2014) analysiert.
Frühförderzentren sind für Kindertagesstätten zentrale Kooperationspartner:innen. Ausgangspunkte der Studie sind zunächst Gelingensbedingungen Multiprofessioneller Kooperation, angewandte Kooperationsformen innerhalb der Frühförderung sowie Spezifika in der Frühförderung von Kindern mit Sehbeeinträchtigungen. Befragungen von Kita-Fachkräften und Frühförderfachkräften deuten auf eine Diskrepanz zwischen dem Beratungsbedarf und der in der Praxis erfolgenden Umsetzung seh- und blindenspezifischer Empfehlungen bzw. Begleitung der Kita-Fachkräfte hin.
Methodisch basiert die Untersuchung auf leitfadengestützten Interviews mit Problemzentrierung, die mit Frühförder- und Kita-Fachkräften durchgeführt wurden. Die Auswertung erfolgt mittels einer inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse nach Kuckhartz & Rädiker 2024.
Die Studie widmet sich entsprechend den Fragen:
(1) Wie nehmen Kita- und Frühförderfachkräfte die Multiprofessionelle Kooperation innerhalb der Frühförderung Sehen wahr?
(2) Welche Bedarfe, Herausforderungen und Wünsche bestehen innerhalb der Kooperation?
(3) Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede können aus der Darstellung von Kita- und Frühförderfachkräften zu den Bedarfen, Herausforderungen und Wünschen innerhalb dieser Kooperationsbeziehung herausgearbeitet werden?
Im Vortrag werden Ergebnisse der qualitativ-inhaltsanalytischen Auswertung vorgestellt und in den Transformationsprozess eingeordnet. Dabei wird insbesondere die Verschränkung der Perspektiven von Heil-, Sonder-, und Frühpädagogik kontrastiert, um Impulse für die Weiterentwicklung heilpädagogischer Professionalität im inklusiven Sozialraum abzuleiten.
Im Denkraum sollen insbesondere folgende Aspekte diskutiert werden:
- Die fachliche Fundierung des Transformationsprozesses: Wie kann die spezialisierte (Seh)frühförderung in eine inklusive Jugendhilfe gemäß KJSG 2028 überführt werden?
- Pädagogische Haltung als Ressource: Inwiefern kompensiert eine reflexive Inklusionshaltung der Fachkräfte bestehende systemische Barrieren und welche Implikationen ergeben sich daraus für die Professionalisierung?
- Multiprofessionelle Perspektivenverschränkung: Auf welche Weise können identifizierte Hürden in der Zusammenarbeit nachhaltig überwunden und die spezifischen Stärken aller beteiligten Professionen für eine gelingende Förderung und Teilhabe des Kindes genutzt werden?
Doktorandin:
Jonitta Jesuthasan, Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Arbeitsbereich Inklusive Pädagogik der Universität Paderborn
Digitalisierung zwischen Belastung und Entlastung. Befunde aus der Sozialen Arbeit und Impulse für heilpädagogisches Handeln
Digitale Dokumentations- und Kommunikationssysteme prägen die Arbeitsbedingungen in sozialen Einrichtungen. Das Promotionsprojekt untersucht, welche digitalen Anforderungen Fachkräfte der Sozialen Arbeit als belastend erleben, welche Ressourcen Entlastung ermöglichen und welche Bedeutung organisationale Rahmenbedingungen dabei haben. Für die Heilpädagogik eröffnet dies eine Diskussion über die Bedingungen aufmerksamer Wahrnehmung, fachlicher Verständigung und teilhabeorientierten Handelns.
Die sequentiell-explorative Mixed-Methods-Studie verbindet qualitative Interviews mit einer anschließenden Onlinebefragung. Für die quantitative Teilstudie liegen 286 Rückläufe vor, davon 206 vollständig ausgefüllte Fragebögen. Die theoretische Einordnung erfolgt unter anderem anhand des Job-Demands-Resources-Modells und von Technostresskonzepten. Qualitative Befunde zu Arbeitsabläufen und Erfahrungen werden mit quantitativen Ergebnissen zu Belastung, Entlastung und organisationaler Unterstützung zusammengeführt.
Die Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild. Technische Störungen, fragmentierte Systemlandschaften und Erwartungen ständiger Erreichbarkeit werden als Belastungen beschrieben. Entlastung wird insbesondere mit effizienteren Abläufen und digitaler Dokumentation verbunden. Integrierte Systeme, klare Kommunikationsregeln und barrierefreie Werkzeuge werden als Ressourcen sichtbar. Organisationale Unterstützung und digitale Kompetenzen stehen mit geringerer Belastung und höherer Entlastung in Zusammenhang. Damit rückt die konkrete Gestaltung digitaler Arbeitsbedingungen in den Mittelpunkt.
Der Beitrag fragt nach der Bedeutung dieser Befunde für heilpädagogisches Handeln und den Tagungsschwerpunkt Diagnostik: Welche digitalen Arbeitsbedingungen unterstützen das Verstehen individueller Lebenssituationen? Wie können Dokumentationsanforderungen mit Zeit für Beziehung und Reflexion vereinbart werden? Welche Voraussetzungen braucht eine zugängliche digitale Kommunikation? Die empirischen Aussagen beziehen sich auf die untersuchte Soziale Arbeit. Ihre Übertragbarkeit auf heilpädagogische Arbeitsfelder und ihre Bedeutung für diagnostische Prozesse werden als offene fachliche Fragen diskutiert.
Im DenkRaum werden das Promotionsprojekt und ausgewählte Ergebnisse anhand eines anonymisierten Beispiels aus dem qualitativen Material vorgestellt. Die anschließende Diskussion nimmt Erfahrungen der Teilnehmenden auf und fragt, welche organisationalen Veränderungen digitale Entlastung und teilhabeorientiertes Handeln unterstützen könnten.
Doktorandin:
Nadine van der Meulen, externe Promotion an der Ostbayrischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
