Vortrag: Grenzen des individualistischen Verstehens — Heilpädagogische Diagnostik in Zeiten kollektiver Krisen
Kollektive Krisen irritieren die gewohnte Asymmetrie diagnostischer Situationen. Die Vorstellung, man selbst sei in der wissenden, kenntnisreicheren Position wird durch Ereignisse, von denen (fast) alle in der Bevölkerung betroffen sind, empfindlich gestört. Wenn wir zum Beispiel in Zeiten von Corona zu ‚diagnostizieren‘ glaubten, wie ein Kind oder eine Familie mit dieser Situation umgeht, diagnostizierten wir dabei nicht immer auch uns selbst als Ebenso-Betroffene sowie gesellschaftliche und politische Fragen insgesamt?
Diagnostische Beobachtungen und Befunde sind zwar immer mit gesellschaftlichen Verhältnissen verwoben — doch springt uns die Herausforderung, komplexe gesellschaftliche Verhältnisse und die Ungewissheit der Zukunft in diagnostischen Prozessen zu berücksichtigen, in solchen Situationen der kollektiven Krise besonders grell ins Bewusstsein. Viele Krisen stehen am Horizont oder haben sich schon vollzogen: von durch Klimawandel bedingten Hochwassern und anderen Naturkatastrophen über die Ukraine und weitere Kriege bis hin zum Aufstieg autoritärer bzw. demokratiefeindlicher Gruppierungen. Am Beispiel des Themas Krieg wird im Vortrag erörtert, wie sich Prozesse der heilpädagogischen Diagnostik verändern, wenn man sich selbst in der Position des Ebenso-Unwissenden, Ebenso-Fürchtenden, Ebenso-Leidenden befindet.