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Jedes Jahr am 13. April wird der Internationale Tag der Heilpädagogik begangen und bietet Anlass, aktuelle fachliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Der Aktionstag will nicht nur Sichtbarkeit schaffen, sondern auch verdeutlichen, welche Bedeutung heilpädagogische Arbeit für eine inklusive Gesellschaft hat – gerade in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Spannungen.

Vor diesem Hintergrund sprachen wir mit dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, über den Zusammenhang von Inklusion und Demokratie, aktuelle politische Entwicklungen und die Zukunft inklusiver Strukturen.

Sehr geehrter Herr Dusel, seit 2018 sind Sie Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Ihre Amtszeit steht unter dem Motto „Demokratie braucht Inklusion“. Was verstehen Sie darunter konkret?

Mir ist wichtig, dass man die beiden Begriffe zusammen denkt. Inklusion und Demokratie sind zwei Seiten derselben Medaille. Man könnte auch sagen, dass Inklusion das Betriebssystem einer funktionierenden Demokratie ist. Und ich werbe für mehr Akzeptanz in dem einen wie in dem anderen Bereich. Für Demokratie und Inklusion einzutreten ist zurzeit notwendig. Und wir merken, dass die politischen Kräfte, die ein Problem mit der Demokratie haben, auch meistens ein Problem mit der Inklusion haben. Deswegen ist es für mich weiterhin wichtig zu sagen: Demokratie braucht Inklusion.

Tag der Heilpädagogik: Portrait Jürgen Dusel
Tag der Heilpädagogik: Jürgen Dusel Foto: Behindertenbeauftragter/Anna Spindelndreier

Ihre Aufgabe als Behindertenbeauftragter ist es u.a., politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Veränderungen zu beobachten und die Gesetzgebung aktiv zu begleiten. Wenn Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken, welche politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen waren in den vergangenen Jahren bedeutsam für eine gleichwertige Lebensbeteiligung von Menschen mit und ohne Behinderungen?

Ich bin hier als Bundesbehindertenbeauftragter 2018 gestartet und natürlich war zunächst die Coronakrise ganz wesentlich, die kurz darauf auf uns zukam. Wir haben festgestellt, dass da gerade die Teilhabechancen von Menschen mit Behinderungen wirklich massiv unter Druck gerieten. Es ging um Fragen des Impfens, es ging um Fragen des Schützens, es ging um die Frage der Partizipation, und es ging darum, dass Menschen die gleichen Rechte auf Zugang zu Informationen haben. Insbesondere Menschen, die beispielsweise auf Gebärdensprache angewiesen sind, hatten das erst mal nicht.

Jetzt liegt die Coronakrise Gott sei Dank hinter uns. Aber ich merke, dass die Erfahrung der Coronakrise unsere Debatten weiterhin prägt. Für mich persönlich war ganz konkret der Wegfall der Wahlrechtsausschlüsse wichtig, die durchgesetzt wurden. Oder auch die Assistenz im Krankenhaus, die wir mit ins Gesetz reinverhandeln konnten, auch die gesetzliche Regelung zur verbesserten Hilfsmittelversorgung war für mich ein wichtiger Meilenstein. Es ging auch um die Teilhabe am Arbeitsleben, die vierte Stufe der Ausgleichsabgabe ist hierfür das Stichwort. Und für mich besonders wichtig und schön war, dass wir im Dezember 2024 die Teilhabeempfehlungen für eine inklusive Kultur zusammen mit dem Deutschen Kulturrat veröffentlicht haben, mit denen ein besserer Zugang von Menschen mit Behinderungen zum Bereich von Kunst und Kultur erreicht werden soll. Dieses Thema wird uns auch zukünftig weiter begleiten.

Mit dem Amtsantritt von Donald Trump, der sich wiederholt behindertenfeindlich geäußert und Maßnahmen
zu Diversität, Gleichstellung und Inklusion weitgehend gestoppt hat, sowie dem europaweiten Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien zeichnet sich für die Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsbewegung in den USA und Europa ein deutlicher Rückschlag ab. Welche Auswirkungen könnte dieser Trend aus Ihrer Sicht auf die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen in Deutschland haben?

Wir leben in herausfordernden Zeiten, in denen ich befürchte, dass Rückschritte in der Inklusion drohen. Wir erleben zurzeit Debatten über Leistungskürzungen, beispielsweise im Bereich der Eingliederungshilfe. Und wir müssen eine Antwort finden auf diese Herausforderungen.

Diese Antwort muss demokratiegestützt und werteorientiert sein. Wir brauchen mehr Inklusion, mehr Barrierefreiheit und mehr Teilhabe. Hier gilt für uns das Grundgesetz: Jeder hat das Recht auf die Entfaltung seiner Persönlichkeit (Artikel 2), und niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden (Artikel 3). Das sind fundamentale Sätze, aber die müssen auch jetzt in diesen Zeiten gelten.

Durch den Bruch der Bundesregierung im November 2024 wurde die in einem langen Beteiligungsprozess begleitete Umsetzung des Kinder- und Jugendhilfeinklusionsgesetzes (IKJHG) ausgebremst. Seitdem warten Verbände, Träger und Selbstvertretungen darauf, wie und wann der Reformprozess in der Kinder- und Jugendhilfe durch die aktuelle Bundesregierung wieder aufgegriffen wird. [Das Interview spiegelt den Wissensstand Anfang März 2026 wider] Was muss aus Ihrer Sicht im IKJHG geregelt werden, damit eine tatsächlich inklusive Kinder- und Jugendhilfe gelingen kann?

Das mag jetzt profan klingen, aber es ist tatsächlich so: Die inklusive Lösung muss inklusiv sein. Das heißt,
die Ideen des SGB IX und SGB VIII müssen zusammen gleichrangig vorhanden sein. Das bedeutet zum Beispiel,
dass personenzentrierte Hilfen aus dem SGB IX sich auch in dem neuen Gesetz wiederfinden müssen und nicht ersetzt werden dürfen durch Hilfen zur Erziehung.

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Es geht also wirklich darum, dass Kinder mit Behinderungen ihren behinderungsbedingten Mehrbedarf auch weiterhin personenzentriert bekommen. Das ist für mich wichtig. Für mich ist auch wichtig, dass die Einrichtung des Verfahrenslotsen entfristet wird, da ihm aus meiner Sicht eine wichtige Aufgabe zukommt: Bestenfalls ist der Verfahrenslotse, die Verfahrenslotsin wirklich Case-Manager:in. Und zwar nicht nur, was die Information über Hilfen betrifft, sondern notfalls auch das Durchsetzen von Hilfen. Ich meine hier wirklich einen Lotsen oder eine Lotsin, die an Bord geht vor dem Hafen und wirklich dann erst von Bord geht, wenn das Schiff an der Kaimauer angedockt hat. Und nicht zwischendrin. Wir erleben ja ganz oft, dass Familien über ihre Rechte und die Rechte ihrer Kinder gar nicht so viel wissen.
Gerade weil sie auch, wenn sie mit behinderten Kindern leben, ganz andere Dinge zu managen haben, als
sich in diesem Wirrwarr an Zuständigkeiten zurechtzufinden.

Und deswegen ist dieser Verfahrenslotse bzw. diese Verfahrenslotsin für mich so wichtig. Ich
werde mich deshalb auch für die Entfristung einsetzen in dem Gesetzgebungsprozess. Ich erwarte
zum jetzigen Zeitpunkt, dass dieser Prozess auch in Kürze startet.

Am 01.08.2026 tritt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter in Kraft. Im Moment müssen in den Ländern und Kommunen große Anstrengungen darauf verwendet werden, um die entsprechenden
Kapazitäten aufzubauen. Wie kann erreicht und sichergestellt werden, dass auch Kinder und Jugendliche mit
Beeinträchtigungen diesen Rechtsanspruch vollumfänglich nutzen können?

Wir dürfen nicht zulassen, dass der gleiche Fehler, der in Deutschland so oft geschieht, auch dort passiert,
nämlich dass man erst eine Struktur entwickelt und dann hinterher bemerkt, dass diese Struktur für Menschen mit Behinderungen nicht zugänglich ist. Nicht zugänglich, weil sie nicht barrierefrei ist, oder nicht zugänglich, weil das entsprechende Fachpersonal fehlt.

Es geht zunächst darum, dass, wenn Räumlichkeiten geschaffen werden, von Anfang an, dass diese natürlich
barrierefrei sind, und dass Kinder mit Behinderungen Zugang haben. Auch multiprofessionelle Teams müssen
vorhanden sein, also auch Förderpädagog:innen und Heilpädagog:innen. Es braucht Expertise in diesem Bereich. Und diese müssen von den Kommunen vorgehalten werden.

Ich bin aus Erfahrung skeptisch, weil ich oft erlebe, dass erst einmal gestartet wird, ohne die Situation von Erwachsenen und Kindern mit Behinderungen im Blick zu haben. Und das darf eben nicht geschehen. Es geht schließlich nicht um irgendetwas Nettes in dem Zusammenhang, es geht nicht darum, fürsorglich zu sein, sondern es geht um einen Rechtsanspruch.

Und diesen Rechtsanspruch haben eben auch Kinder mit Behinderungen. Und jetzt ist es Aufgabe der Kommune, diesen umzusetzen, denn die vollziehende Gewalt ist an Recht und Gesetz gebunden. So steht es in unserem Grundgesetz, und es ist dafür zu sorgen, dass die Menschen diesen Rechtsanspruch einlösen können.

Anlass dieses Interviews ist der Internationale Tag der Heilpädagogik, der am 13. April dieses Jahres zum fünften Mal begangen wird. Was verbinden Sie persönlich mit dem Beruf des/der Heilpädagog:in?

Ich habe mit den Kolleginnen und Kollegen, die Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, schon sehr lange
zu tun. Mein ganzes Berufsleben ist eigentlich geprägt von dem Thema Teilhabe. Insofern weiß ich natürlich, dass das ein sehr anspruchsvoller Beruf ist. Der Beruf wirkt daran mit, dass Menschen mit Behinderungen empowered werden und es ermöglicht wird, dass sie ihre Rechte tatsächlich auch leben können. Hier sind Heilpädagog:innen ganz wichtige Partner, in ganz unterschiedlichen Settings. Insofern ist es ein sehr wertvoller Beruf und gerade im Zusammenhang mit dem Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderungen wirklich unverzichtbar.

Die Heilpädagogik ist überall dort gefragt, wo Menschen jedes Alters aufgrund von sozialem Ausschluss, Beeinträchtigung oder (drohender) Behinderung vor Entwicklungs- und Teilhabebarrieren stehen. Welche Rolle nehmen soziale Berufe wie die Heilpädagogik in Ihrer Wahrnehmung bei dem Abbau gesellschaftlicher Barrieren ein? Was müsste sich aus Ihrer Sicht in den sozialen Berufen gegebenenfalls ändern, um den Abbau von sozialen oder gesellschaftlichen Barrieren zu beschleunigen?

Heilpädagoginnen und Heilpädagogen sind im Grunde Expert:innen, die sehr gut zusammen mit Menschen mit Behinderungen Barrieren identifizieren können. Das gilt sowohl für individuelle Barrieren als auch für gesellschaftliche Barrieren.

Sie können somit auch zur Bewusstseinsbildung beitragen und dann auch konkret zum Abbau von Barrieren. Das ist das eine. Und das Zweite ist, dass Heilpädagog:innen durch Konzepte und individuelle Lösungen Begegnungen schaffen können von Menschen mit und ohne Behinderungen. Das ist wichtig, weil wir nur im Dialog lernen und es dafür entscheidend ist, dass Menschen mit und ohne Behinderungen sich begegnen, austauschen und voneinander lernen können. Auch Vorurteile und Stereotype können in der Begegnung hinterfragt werden. Da spielen Heilpädagog:innen eine wichtige Rolle. Oder im Bereich der Assistenz: welche Assistenz ist notwendig, welche Konzepte gibt es in dem Bereich.

Insofern ist das ein wichtiger Beruf und kann wirklich mit dazu beitragen, dass wir uns weiter zu einer Gesellschaft entwickeln, die möglichst wenig Barrieren beinhaltet. Das ist letztlich auch Demokratiearbeit.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.