Portrait: Bundesregierung / Laurence Chaperon

„Heilpädagogisch wirken in unsicheren Zeiten“ – das Thema Ihrer 1. Online-Bildungsreise könnte treffender nicht sein.
Während der Pandemie erfuhren Menschen erstmals weltweit ganz persönlich, was es bedeutet, in ihrer Mobilität eingeschränkt zu sein, sich nur digital oder aus der Ferne begegnen, Freude, Trauer und Glück nur sehr eingeschränkt teilen zu können und nicht zu wissen, wann sie sich wieder in den Arm nehmen können. Das macht uns bewusst, was für ein hohes Gut es ist, miteinander am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Als Heilpädagoginnen und Heilpädagogen stehen Sie dabei vor besonderen Herausforderungen. Kern Ihres Berufes ist die Nähe, die Beziehung zu den Menschen und der persönliche Dialog. Wie geht man damit um, wenn diese Nähe nicht oder nur eingeschränkt möglich ist? Wie können Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen trotz Kontaktbeschränkungen weiterhin darin unterstützt werden, ein selbstbestimmtes Leben als Teil der Gesellschaft zu führen? Sicher keine einfachen Fragen.

Um Antworten zu finden, sind Sie in den Dialog getreten. Unter dem Hashtag „Zuversicht als Haltung“ haben Sie als Berufs- und Fachverband Heilpädagogik e.V. eine Plattform eröffnet, die einen Austausch zu Impulsen, innovativen Ideen und Lösungsansätzen ermöglicht. Wer Zuversicht hat, blickt nach vorn, sieht Chancen, wird kreativ und entwickelt Lösungsansätze. Dafür und für Ihr fortwährendes Engagement möchte ich Ihnen von ganzen Herzen danken!

Mit Ihrer Arbeit und Ihrem persönlichen Engagement machen Sie Inklusion für Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen über alle Bildungsetappen hinweg möglich und wirklich. Sie begleiten Kinder und ihre Eltern, Jugendliche wie Erwachsene, bilden, beraten, begleiten und fördern sie auf Ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Die rechtliche Gleichstellung und das Recht auf Bildung aller Menschen sind somit nicht nur formales Recht – sie werden erst durch Ihre Arbeit verwirklicht. Heute, elf Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, ist die Umsetzung von Inklusion im Bildungsbereich nach wie vor eine Herausforderung. Wir wissen immer noch zu wenig zum Beispiel über die Wirkung unterschiedlicher Konzepte und Methoden inklusiver Bildungssettings und deren zielführende Weiterentwicklung. Dies wurde in diesem Jahr besonders deutlich.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert daher schon seit mehreren Jahren in der Bildungsforschung den Schwerpunkt „Inklusion im Bildungssystem“. Die von uns unterstützten Projekte betrachten die inklusive Bildung entlang des gesamten Lebensweges. Methoden und Praxis in den Bildungseinrichtungen werden wissenschaftlich analysiert und ausgewertet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden so aufbereitet, dass sie in der Breite nutzbar sind. Das kommt zunächst einmal den Einrichtungen selbst zugute. Gleichzeitig ermöglichen wir es den Verantwortlichen in Bildungspolitik, -verwaltung und -praxis, fundierte Entscheidungen für eine erfolgreiche Realisierung und Gestaltung inklusiver Bildung treffen zu können.

Die aktuellen und künftigen Bildungssettings haben und werden sich aufgrund der COVID-19-Pandemie über alle Bildungsetappen hinweg ändern. Ich denke hier insbesondere an die Möglichkeiten der Digitalisierung, an standortunabhängige virtuelle Lernräume und die sich dadurch verändernde Form der Zusammenarbeit auch für multidisziplinäre Teams. Die Ausrichtung Ihrer diesjährigen Berufs- und Fachtagung als Online-Bildungsreise verdeutlicht das. COVID-19 stellt uns alle vor die Frage, wie wir unsere Bildungslandschaft künftig gestalten werden, damit alle Menschen uneingeschränkt ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können – und zwar jederzeit. Auch in Ausnahmesituationen. Lassen Sie uns hierzu im Dialog bleiben – und gemeinsam Lösungen entwickeln.

Ich wünsche Ihnen eine produktive Online-Bildungsreise, gutes Gelingen und weiterhin viel Freude für Ihre wichtige Arbeit.

Anja Karliczek
Mitglied des Deutschen Bundestages
Bundesministerin für Bildung und Forschung